„Er–zieht?!“ – Bedürfnisse verstehen und ernstnehmen

Kompass Hund in Hannover und Hamburg

„Er–zieht?!“ – Bedürfnisse verstehen und ernstnehmen

Warum Hunde eigentlich an der Leine ziehen, wieso es oftmals gar nicht sinnvoll ist, dann sofort an der Leinenführigkeit zu arbeiten und was Leinenführigkeit mit Beziehung und Erziehung zu tun hat, erfahrt ihr hier.

Wenn man Hundehalter/innen fragt, warum ihr Hund an der Leine zieht, dann kann es einem passieren, dass man Sätze hört wie …

„Mein Hund zieht, weil ich nicht geschafft habe, ihm beizubringen, dass er es nicht tun soll“

oder

„Die Gene vom [beliebige Hunderasse hier einsetzen] kann ich nicht wegerziehen“

oder

„Der muss erstmal seine Energie rauslassen“.

 

Wenn ich solche Antworten bekomme, dann frage ich weiter:

Warum möchte der Hund denn ziehen? Ich hab ihm ja schließlich auch nicht beigebracht, keinen Handstand zu machen – dennoch macht mein Hund keinen Handstand.

Und was für ein Gen bestimmt denn, dass ein Hund an der Leine ziehen wird?

Wieso hat sich denn so viel Energie (oder Frust?) angestaut?

Die Frage, WARUM ein Hund etwas tut, also WELCHE MOTIVATION, er hat, etwas zu tun, wird viel viel viel zu selten gestellt. Jeden Tag strengen wir uns an, unseren Hunden beizubringen, etwas zu tun – und das ist gar nicht so einfach! Da sollte es doch nahe liegen, wenn ein Hund etwas tut, ohne, dass wir es ihm bewusst beigebracht haben, zu fragen, was ihn dazu bewegt.

Wenn man es ganz stark runterbricht, dann könnte man sagen, Hunde ziehen an der Leine, weil sie entweder irgendwo HINwollen oder aber irgendwo WEGwollen.

Wo könnten Hunde denn HINwollen?

In unserem Alltag sind wir von etlichen Reizen umgeben, die für unsere Hunde spannend sein können. Da hätten wir zum Beispiel Wildgerüche in Wald und Feld, die Dönerreste im oder um den nächsten Mülleimer herum in der Stadt, die läufige Hündin oder den schicken Rüden von gegenüber, die Freundin der Familie, die am allerbesten kraulen kann oder oder oder.

All das sind aus Hundesicht positive Dinge, denen es sich lohnen würde, näherzukommen.

 

Es gibt aber auch eine Reihe weniger schöne Umweltreize und da entscheidet sich nun je nach Charakter und Erfahrungsschatz des Hundes, ob der sich dem Reiz stellt oder doch lieber die Flucht ergreifen würde. Manche Hunde reagieren zum Beispiel auf laute Geräusche oder gruselige Statuen damit, dass sie auf sie zugehen, eventuell sogar bellen und knurren, um den ‚Feind‘ zu vertreiben. Auch auf andere Menschen, Hunde oder Katzen stürmen manche Hunde zu, und das obwohl sie sie ganz und gar nicht gern haben, in diesen Fällen ist das Ziel erstmal, Informationen zu sammeln, den anderen abzuchecken und dann ggf. auch zu beeinflussen. Wie diese Beeinflussung dann aussieht, kann ganz unterschiedlich sein und es muss nicht immer auf ein Vertreiben hinauslaufen, es kann auch sein, dass dem Gegenüber einfach klargemacht werden soll, wie die Rollen verteilt sind, wer was entscheiden darf und und und.

Gracie will hier beispielsweise mit Vollgas in die Dummysuche starten. 😉

Wo könnten Hunde WEGwollen?

Nicht immer sind die Situationen, in die wir unsere Hunde bringen, für sie auch angenehm. So können volle Einkaufsstraßen, öffentliche Verkehrsmittel, Baustellenlärm und auch Hundeparks bei einigen Hunden Unwohlsein auslösen und von diesen Orten ziehen die Hunde dann eventuell weg. Möglicherweise finden Hunde aber auch das lange Verweilen an einem Ort oder gar ihren Menschen schlicht langweilig und sehnen sich nach Abenteuern. Auch das kann ein Grund sein, warum Hunde aus einer Situation wegwollen.

Pepper möchte hier gern von den Zuschauern weg, denn das Ende der Leine hält nicht ihre Bezugsperson. Sie fühlt sich zwischen den fremden Menschen nicht sicher.

Was können wir tun, damit unsere Hunde mit uns GEMEINSAM unterwegs sein wollen?

Stellen wir uns mal vor, wir wären händchenhaltend mit unserem Partner/ unserer Partnerin spazieren. Ab dem Moment, wo wir die Haustür verlassen, reißt uns derselbe Partner tagein tagaus beim Anblick einer anderen Frau/ einer Dönerbude/ eines anderen Mannes oder des nächsten Autohändlers quasi den Arm aus und würdigt uns keines Blickes mehr, der eben noch kuschelnd mit uns auf dem Sofa lag..

Würden wir dann zukünftig immer ein gebratenes Steak als Lockmittel oder Belohnung bei uns tragen, damit unser Partner brav händchenhaltend bei uns bleibt? Oder würden wir im Internet ein Antizuggeschirr bestellen, dass Schmerzen auslöst, sobald sich unser Partner von uns entfernt? Würden wir ihm mit Wurfschellen einen gehörigen Schreck verpassen, sobald er unaufmerksam ist? – Ich hoffe nicht. Wir würden uns fragen, was in unserer Beziehung schief läuft und daran arbeiten.

Wir würden weder mit Strafreizen arbeiten noch es für nötig befinden, die Aufmerksamkeit unseres Partners unter Signal zu stellen oder zu belohnen (bezahlen?).*

[*Natürlich ist mir bewusst, dass dieser Vergleich hinkt. Schließlich haben wir unserem Partner/ unserer Partnerin gegenüber keinen erzieherischen Auftrag, dennoch finde ich, dass dieser Vergleich klarmacht, dass in einer guten Beziehung die gemeinsame Aktivität für beide das Ziel sein sollte.]

Wir wünschen uns nämlich eine Beziehung, in der wir miteinander kommunizieren, in der wir gemeinsam unterwegs sind, weil wir die gleichen Ziele teilen und uns aufeinander verlassen können. Es gilt, an den Ursachen zu arbeiten, statt an den Symptomen herumzudoktern.

Dazu ist es essentiell, dass wir die Bedürfnisse unseres Hundes verstehen und sie ernstnehmen. Als Hundehalter*innen haben wir zuallererst mal die Pflicht, unserem Hund etwas zu bieten, bevor wir etwas erwarten können. Erziehung bedeutet, Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten zu geben.

Sicherheit bieten

Wie auch wir Menschen wollen Hunde sich sicher fühlen. Das Gefühl, in Sicherheit zu sein, ist die Basis für das ganze Leben. Und doch ist diese Grundlage bei vielen Hunden nicht gegeben.

Hunde nehmen ihre Welt als Hunde wahr, nicht als Menschen. Hunde verstehen nicht, wofür Verkehr gut sein soll, Hunde finden es absurd, dass wildfremde Menschen sich drohend über sie beugen, weil sie sie so niedlich finden, Hunde haben biologisch betrachtet kein Verständnis dafür, dass man auf so engem Raum wie in einer Großstadt mit anderen Hunden zusammenlebt – vor allem, wenn man sich dann nicht einmal aus dem Weg geht und Hunde halten uns für töricht, wenn wir fremden Menschen, die urplötzlich in unser vermeintlich sicheres Zuhause kommen, auch noch all unsere Ressourcen anbieten.

 
Dies sind nur einige wenige Beispiele für alltägliche Situationen, die auf unsere Hunde wirken können, als wären wir Menschen wirklich sehr naiv und würden gar keinen Sinn für Sicherheit haben. Denn unsere Sicherheitsmaßnahmen wie Überwachungskameras, Türklingeln und in der abstraktesten Form Gesetze, sind für Hunde unverständlich.
 

Deswegen müssen wir Menschen unsere Hunde dort abholen, wo sie stehen und für sie sichtbar machen, dass wir für ihre Sicherheit garantieren, damit sie diese Verantwortung nicht selbst tragen müssen. Das bedeutet, wir müssen uns in unserem gesamten Alltag bewusster darüber werden, welche Aussagekraft unsere Körpersprache und unsere Position im Raum für Hunde hat.

Hier sieht man gut, wie die Menschen im Workshop ‚Sicherheit geben‘ ihre Umwelt für die Hunde sichtbar beeinflussen (mit den Pfeilen kann man sich durch die Bilder klicken). Natürlich wird es im Alltag subtiler ablaufen, aber für die Hunde ist dieses Menschen ‚hin- und herschieben‘ immer ein echtes Aha-Erlebnis – auf einmal wird sichtbar, dass der eigene Mensch die Fähigkeit hat, seine Umwelt nach Belieben zu beeinflussen, das schafft Vertrauen!

Entwicklungsmöglichkeiten bieten

Hunde wollen sich wertvoll fühlen. Wertvoll fühlt man sich aber nur, wenn man auch etwas Sinnvolles tut. Aus Hundesicht ist es sehr sinnvoll, im Wald Rehen und Hasen und in der Fußgängerzone nach Essensresten zu suchen. Für Rüden ist es auch sinnvoll, nach läufigen Hündinnen zu suchen und umgekehrt. Für Hunde ist es außerdem sinnvoll, Dinge zu tun, die ihnen soziale Anerkennung einbringen und sei es, indem sie sich anderen Hunden gegenüber darstellen oder besonders geschckt die Aufmerksamkeit von Frauchen, Herrchen oder Passanten auf sich ziehen.

 

Nicht besonders sinnvoll ist es für Hunde dagegen, am Ort der größten Verleitung, wie etwa dem Wald, brav bei Fuß zu latschen, um nach zwei Stunden unverrichteter Dinge wieder zu Hause anzugelangen.

Damit unsere Hunde nicht allein auf Sinnsuche gehen, ist es wichtig, dass wir klar machen, wo ihre Entwicklungschancen liegen und ihnen als Vor-Bild Vor-leben, was es sich zu lernen lohnt. Sei es, dass sie eine wertvolle Funktion für die Gruppe übernehmen, indem sie einen Teil der Einkäufe nach Hause tragen, den verloren gegangenen Schlüssel wiederfinden oder mit uns gemeinsam auf die Jagd nach dem Futterbeutel gehen. Entscheidend ist, dass unsere Hunde in Abstimmung mit uns eine Aufgabe übernehmen dürfen, in denen sie ihre Talente einbringen können.

Nur wenn unsere Hunde uns mental folgen können; also verstehen, wie wir denken und dass wir ihre Bedürfnisse ernstnehmen; dann können sie uns auch physisch an der Leine folgen.

sinngemäß nach Jan Nijboer

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie wir unseren Hunden Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten bieten können und so erreichen, dass sie uns mental und auch an der Leine gerne folgen können, ist herzlich zum Online Themenabend „Er–zieht?! – Euer Weg zur lockeren Leine“ am 5. Juni und dem anschließenden Basiskurs „Leinenführung“ in Hamburg eingeladen!

 

Fotos: Whimsical Paws

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